Party am Mahnmal

Als gestern der Artikel des VICE Magazin über Selfies an Shoah Gedenkstätten den Umlauf gemacht hat, habe ich mich mächtig gefreut. Schon ewig war es ein Phänomen, was mich nicht nur verwirrte, sondern vor allem auch verletzte. Der Artikel ansich war nicht besonders detailreich, allerdings war, ausnahmsweise, die Diskussion in den Kommentaren anregend. So weit, so gut.

Plötzlich sprießten dann die ersten Blogposts und Twitterrants von nicht-jüdischen BloggerInnen auf. Der Ansatz der Posts war fast immer gleich: Schockierend war für sie, dass VICE es gewagt hatte, Jugendliche über einen Kamm zu scheren. Dass das Motzen über die Junge Generation ein alter Hut sei. Konzentriert wurde sich dann oft auf die „Gegenbewegung“- die „Shelfies“.
Das Thema der Appropriation der Gedenkstätten und Gräber wurde abgetan, und wandelt sich in einen Appell nach Toleranz um; Die BloggerInnen verlangen nach Nachsicht, es sei ja nicht bekannt, was die Intention der Jugendlichensei oder ob nicht später eventuell eine Auseinandersetzung mit dem Thema der Shoah stattfindet. Ignoranz und Jugend wird zusammengebracht, verteidigt, relativiert. Alles auf dem Rücken von einer Minderheit, der anscheinend eh kein Mitspracherecht genehmigt wird.

BloggerInnen/ TwitternutzerInnen, die aktiv an #schauhin teilgenommen haben, schaffen es ohne Probleme hier eine Ignoranz an den Tag zu legen, die einen nur sprachlos lässt. Plötzlich gewinnt wieder die Intention des Einzelnen an Gewicht. Aber warum? Wenn jemand rassistische Bezeichnungen nutzt, dann ist die Intention egal- Rassismus bleibt Rassismus. Aber wenn jemand buchstäblich auf den Gräbern meiner Vorfahren tanzt, dann soll ich über die Intention der Einzelnen nachdenken?
„Vielleicht ist das ja ihre Art der Auseinandersetzung“, lauteten die ersten Stimmen. Ach, das ist ja praktisch. Den Spruch sollte sich dann bitte jeder Weiße merken, wenn er rassistische Sprache nutzen möchte. Vielleicht sind die Schimpfwörter ja seine Art der Auseinandersetzung? Hey, wir wissen doch nicht was in seinem Herzen vorgegangen ist. Vielleicht ist ja das ironische Nutzen der Wörter sein Umgang mit bedrückenden Themen?

Intention ist irrelevant, wenn es um Verletzendes geht. Tritt mir jemand unabsichtlich auf den Fuß, dann tut es weh, egal ob es beabsichtigt war oder nicht. Was wir sagen und was wir tun existiert nie in einem Vakuum. Selbst wenn der weiß-deutsche, christliche Jörg seinen Respekt gegenüber der Shoah durch ein lachendes Selfie am Mahnmal frönen möchte, dann muss er aber damit rechnen, dass diese Tat respektlos auf Betroffene wirkt. Dass es sie verletzt. Dass Andere dadurch denken, dass es akzeptabel sei, sein Partybild mit „#yolo“ zu versehen.

Meiner Meinung nach wird hier wieder ganz typischen Verhaltensmustern gefolgt. Der Ansatz, dass das ganze auch auf anti-semitische Tendenzen hinweisen könnte, wird komplett ignoriert. Stattdessen wird Betroffenen gesagt, dass sie sich doch in die „Täter“ hineinversetzen sollen.  Im Endeffekt ist also wieder alles wahrscheinlicher als die einfache Antwort.

1 – Dabei möchte ich anmerken, dass viele der abgebildeten Personen nicht einmal sehr jung sind. Und schaue ich auf Facebook, dann sehe ich, dass es definitiv kein “Jugendphänomen” ist. Das macht also die Relativierungsversuche noch unsinniger.

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